Profil anzeigen

Ins Museum, so lange es noch geht?

LVZ Frische Luft - Freizeittipps für Leipzig und die Region LVZ Frische Luft - Freizeittipps für Leipzig und die Region
LVZ Frische Luft - Freizeittipps für Leipzig und die Region
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
ich bin hin- und hergerissen in dieser Woche. Am Dienstag haben die Museen in Leipzig wieder eröffnet - als Teil der Lockerungsstrategien, die Anfang März von der sächsischen Regierung beschlossen wurden. Und schon am Dienstagabend verkündete Ministerpräsident Kretschmer dann: Die Lockerungen seien ein Fehler gewesen. Zurückgenommen sind sie bislang allerdings nicht, dass es wieder Einschränkungen geben wird, ist allerdings absehbar.
Was macht man nun als Journalistin, die ihren Leserinnen und Lesern Tipps für die Freizeitgestaltung geben will? Sagt man locker-flockig: “Bitteschön, hier drei Ausstellungstipps, gehen Sie alle hin, am besten am Wochenende! (P.S.: Der Ministerpräsident findet das übrigens eine ganz schlechte Idee)”? Oder nimmt man den dritten Lockdown in Eigenregie schon mal vorweg, indem man die Museen ignoriert und stattdessen drei Tipps fürs Sofa gibt?
Was man tun darf und was man tun sollte, sind wie immer in dieser Pandemie zwei verschiedene Dinge. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, wie es ist: Der Gedanke, dass sich auch nur eine Leserin oder ein Leser in einem Museum ansteckt, weil ich eine Ausstellung empfohlen habe, ist ziemlich unerträglich. Andererseits: Wie mein Kollege Jürgen Kleindienst hier aufgeschrieben hat, gibt es in den Leipziger Museen mühsam und sorgfältig erarbeitete Hygienekonzepte, der Besuch muss vorab angemeldet werden, es werden nur wenige Menschen auf einmal eingelassen, man kann jederzeit Abstand halten. Ich sehe das jetzt also so: Die Museen sind geöffnet und ein Besuch dort ist erlaubt - also empfehle ich Ihnen hier heute eine Ausstellung. Ich packe einen Ausflug und einen Buchtipp dazu. Dann ist auch für die etwas dabei, die trotz der Lockerungen lieber weiterhin auf Abstand bleiben.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende
Ihre Julia Grass

Ausstellung: Ich, Ich, Ich!

Foto: André Kempner
Foto: André Kempner
Ein “Selfie” ist eigentlich nur ein Foto, das jemand von sich selbst macht - meist mit dem Handy und ausgestrecktem Arm. Meist nur für sich selbst oder die sozialen Netzwerke. Es gibt aber auch Selfies, die gehen um die Welt. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 vor einer Geflüchtetenunterkunft ein Foto mit Shaker Kedida machte, entstand das „Selfie des Jahres“ mit politischer Auswirkung. Als der chinesische Künstler und Aktivist Ai Weiwei 2009 festgenommen wurde, dokumentierte er es mit einem Selfie, es ist Kunst. Die US-amerikanische Moderatorin Ellen DeGeneres holte bei den Oscars 2014 die Filmstars vor die Kamera, machte live während der Show ein Foto mit ihnen und brach damit bei Twitter den Rekord für die meisten Retweets.
Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig ist dem Phänomen des Selfies nun eine ganze Ausstellung gewidmet. „Immer Ich. Faszination Selfie“
Selfies sind mal künstlerisch, mal politisch, aber immer ein Teil der eigenen Darstellung nach außen und haben Wirkungsmacht. „Sie sind ein Novum der Selbstbestimmtheit über das eigene Bild. Wer ein Selfie macht ist nicht nur Darsteller, sondern auch Produzent und Regisseur zugleich“, erklärt die Kuratorin der Ausstellung, Henrike Girmond.
Entstanden ist eine interaktive, multimediale Ausstellung mit rund 600 Objekten: Bilder, Selfiesticks, Kameras, Plakate, gerahmt von vielen Spiegeln. Wer sich in den Räumen der Exposition bewegt, begegnet sich immer wieder selbst, unter anderem in bunten Farben an den reflektierenden Wänden oder an den zwei Selfie-Punkten, die eine digitale Teilnahme an der Ausstellung ermöglichen.
Foto: picture alliance
Foto: picture alliance
Kurz nach Beginn, im ersten Raum, lächelt links Angela Merkel in die Smartphone-Kamera, rechts grinst der Makaken-Affe Naruto für ein Selfie in die Linse – der Affe war berühmt geworden, weil er mit der Kamera eines Fotografen ein Foto von sich selbst schoss.
Selfies sind Kommunikationsmittel und ein „zeitgeschichtlich relevantes Phänomen“, erzählt Bretschneider im Gespräch. Sie gehören mittlerweile zur gängigen Art, sich anderen mitzuteilen, ähnlich wie Postkarten oder Briefe. Als Adolf Winkelmann 1967 mit einer Kamera vor der Brust durch Kassel lief und sich selber filmte, sorgte das noch für Aufsehen. Wenn sich heute eine Gruppe Touristen auf dem Leipziger Markt mit einem Selfiestick ablichtet, blickt kaum jemand hin.
Info: „Immer Ich. Faszination Selfie“: 17. März bis Januar 2022; geänderte Öffnungszeiten bis auf weiteres: Di–So/Feiertag 10–18 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum, Grimmaische Straße 6 in Leipzig; Besuch nur nach telefonischer Voranmeldung unter 0341 2220445; Eintritt frei.
Von Vanessa Gregor
Ausflug: Dampf im Döllnitztal

Manch ein Anwohner der Kleinbahnstrecke hat sich am Dienstag vielleicht gefragt, ob seine Ohren noch intakt sind. Am späten Vormittag waren sowohl die Warntöne der Diesellok als auch das Pfeifen der Dampflok zu hören.
Das war keine akustische Täuschung, sondern entsprach den Tatsachen. Nachdem Winter- und Glühweinfahrten sowie der Russische Sonntag ausgefallen waren und die 99 584 deshalb schon seit knapp 14 Wochen nicht mehr angeheizt und auf der Strecke war, fand vor den für das Wochenende geplanten Frühlingsfahrten am Dienstag eine Probefahrt statt.
Am Sonnabend und Sonntag wird der Dampfzug dreimal von Mügeln nach Oschatz und zurück fahren. Die Touren beginnen 9.25 Uhr, 12.31 Uhr und 16.30 Uhr in Mügeln. Rückfahrt ab Oschatz ist 10.43 Uhr, 13.45 Uhr und 17.40 Uhr. Der erste Zug fährt nach 14-minütigem Aufenthalt in Mügeln bis Glossen weiter, der zweite nach eine halben Stunde Pause nach Kemmlitz.
Einiges, was für die Besucher den Reiz einer solchen Dampfbahnfahrt ausmacht, wird am Wochenende jedoch fehlen: der bewirtschaftete Packwagen mit seinem Imbissangebot wird nicht am Zug hängen und es gibt auch keine solchen Angebote in Oschatz oder Mügeln. Auch jegliche Art von Rahmenprogramm entfällt und das Geoportal in Mügeln bleibt geschlossen. Ein bisschen ist es einfach wie der öffentliche Nahverkehr - nur dass Sonnabend und Sonntag eben eine Dampflok fährt.
Wie gut sich der typische Geruch nach Dampflok durch die obligatorisch im Zug und auf den Bahnhöfen zu tragenden Masken einatmen lässt, wird sich zeigen.
Die Züge halten bei Bedarf an allen Stationen unterwegs. Fahrkarten sind beim Personal erhältlich.
Von Axel Kaminski
Neueröffnung: Marokkanische Spezialitäten auf der Jahnallee

Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Ausstellung im Rohzustand. Auf den zweiten auch. Die Auslage im Laden „Le plaisir marocain“ ist eine Aneinanderreihung von Fleisch, aber auch Antipasti, den Rahmen bilden Petersilienblätter. Seit Anfang März bereichert der Ableger des „Café Habibi Funk“ mit marokkanischer Küche die Jahnallee.
Während in den beiden Filialen in Lindenau und der Südmeile ein Schwerpunkt auf Sandwich-Varianten liegt, setzt Betreiber Jamal Mellouk hier neben Halal-Fleischwaren auf Bowls, Brot und Gebäck. „Nachdem uns eine Marktanalyse bestätigt hat, dass unser Konzept an diesem Standort funktioniert, haben wir losgelegt“, sagt der 36-Jährige, der aus dem Süden Marokkos stammt und in Leipzig die dort stark ausgeprägte Gastfreundschaft pflegt.
Das Ambiente des neuen Geschäfts in der Hausnummer 17 atmet den Charakter einer kleinen Markthalle, wozu die kunstvoll-historischen Fliesen ihren Teil beitragen. Besonders beliebt ist zum einen das hausgemachte Köfte aus Lammhackfleisch, zum anderen Merguez. Die Wurst aus der maghrebinischen Küche gibt’s sowohl vom Huhn als auch von Rind und Lamm.
All das wird frisch zubereitet und landestypisch gewürzt sowie mariniert von Fleischer Youssef Guenanni und kann ohne weitere Zubereitung in die heimische Pfanne. Wer die Gewürze im heimischen Schrank haben möchte, kann ein paar Meter weiter zur „Bazar Manufaktur“ gehen – ebenfalls von einem Marokkaner betrieben.
Auch für Vegetarier und Veganer ist „Le plaisir marocain“ ein Anlaufpunkt. Neben traditionellen marokkanischen Backwaren und Antipasti werden hier Bowls angeboten, deren Bestandteile und Portionsgröße die Kundschaft selbst komponieren kann. Derzeit ist nur das Abholen der Speisen möglich, nach Corona möchte Mellouk Freisitz-Möglichkeiten installieren.
Info: Der Verpackungsmüll hält sich übrigens in Grenzen. In den nächsten Tagen wird hier das Pfandsystem Vytal mit Mehrwegschüsseln angeboten. Geöffnet ist das Geschäft von montags bis samstags, immer 9 bis 20 Uhr, bestellen kann man vor Ort, per Telefon unter 0157 83388885 und via Mail an leplaisirmaroccain@gmail.com.
Von Mark Daniel
Was tun am Wochenende?

Theaterhaus des Theaters der Jungen Welt. Foto: André Kempner
Theaterhaus des Theaters der Jungen Welt. Foto: André Kempner
Für Geschichtenerzähler: In „Und dann?!​“ für alle ab 6 Jahre wollen die Theatermacher des Theaters der Jungen Welt mit dem Publikum interaktiv via Zoom neue Geschichten spinnen! Teilnehmer sollen dazu vorab etwas finden – im Wald, unterm Bett oder im Küchenschrank –, das zum Thema „Neubeginn“ passt. Wie aus all diesen Gegenständen neue Geschichten gesponnen werden, wird ab 17 Uhr zu erleben sein. Tickets gibt es hier.
Für Klassik-Liebhaber: Happy Birthday Bach: ​Am Sonntag um 15 Uhr feiert die Gaechinger Cantorey unter Leitung von Hans-Christoph Rademann im traditionellen Geburtstagskonzert der Bachakademie ​J.S. Bachs 336. Geburtstag mit einer Aufführung seiner h-Moll-Messe. Das Konzert wird in Kooperation mit dem Bach-Archiv Leipzig als Livestream ausgestrahlt. Ein Pausengespräch, das Michael Maul, Intendant des Bachfestes Leipzig, und Akademieleiter Hans-Christoph Rademann gemeinsam gestalten, gehört zum Konzertfilm. Weitere filmische Eindrücke aus Leipzig und der Thomaskirche werden während des Livestreams gezeigt. Die Solopartien singen die renommierten Solisten Catalina Bertucci (Sopran), Marie Henriette Reinhold (Alt), Patrick Grahl (Tenor) und Peter Harvey (Bass). Der Livestream wird auf www.bachakademie.de sowie den Facebook-Kanälen von Bachakademie und Bach-Archiv Leipzig veröffentlicht. Mit diesem Werk begehen die Internationale Bachakademie Stuttgart und das Bach-Archiv Leipzig erstmals gemeinsam den Ehrentag des Komponisten.
Von Patricia Liebling
Tipp fürs Sofa: Meg Wolitzer - Das ist dein Leben

US-Amerika in den 70er Jahren. Dottie Engels ist ein Star am Comedy-Himmel. Ihr Verkaufsargument ist ihr Übergewicht. Während sie durch die Staaten tourt, sitzen ihre Töchter Erica und Opal im prunkvollen New Yorker Apartment, betreut von wechselnden Babysittern, die Mutter sehen sie häufiger auf dem TV-Bildschirm als im echten Leben. Erica, die ebenfalls übergewichtig ist und den Bezug zu ihrem Körper schon in der Pubertät verliert und in der Schule ausgeschlossen wird - und Opal, das schlanke, hübsche, beliebte Mädchen. Beide suchen ihre Rolle im glamourösen Leben der Mutter. Erica wendet sich mehr und mehr von Dottie ab, gerät an den falschen Mann, zieht mit ihm in ein Loch, kein Job, kein Studium, sie lässt sich gehen. Opal sucht die Nähe zur Mutter, kreist um sie wie ein Satellit, auch noch mit Anfang 20.
Dann ändern sich die Zeiten. Plötzlich sorgen Witze über dicke Frauen nicht mehr für Brüller im Publikum, sondern für peinlich berührtes Hüsteln. Dottie altert, der einstige Publikumsliebling versteht den Humor der neuen Zeit nicht mehr, fragwürdige Werbedeals ersetzen ausbleibende Gigs. Schlimmer als Dottie selbst empfindet Opal den Abstieg ihrer Mutter, sie muss sogar ihr Studium pausieren, um damit klarzukommen. Und doch ist Meg Wolitzers Roman (der im Original schon 1989 erschien) keine Geschichte über den Niedergang einer Familie. Keine der drei Frauen stürzt gänzlich in die Tiefe. Sie fallen halt durchs Leben, schlagen sich die Knie daran blutig, wie es vielen Menschen so passiert, nur eben etwas extremer. Während man Dottie und Opal dabei zusieht, wie sie sich quälen, man sich manchmal fremdschämt und das Buch fast aus der Hand legen möchte, weil es so unangenehm ist, verliert man leicht den Blick für die Figur, die sich sehr viele Seiten lang kaum rührt und schließlich doch die ist, die am meisten über sich hinauswächst, in dem sie einfach eines Tages ihre Sachen packt: Erica. Jedenfalls so lange bis dann doch noch Dotties Entwicklung die extremste Kurve von allen nimmt. Wie gesagt, es geht mal auf, mal ab, nie mehr so hinauf wie am Anfang, aber auch nie so hinab, dass man die Hoffnung verlieren müsste.
Von Julia Grass
Neues aus Stadt und Land

Inzidenzzahlen im Lockdown: Leipzigs Theater, Gewandhaus und Oper bleiben über Ostern hinaus geschlossen
Schauspiel Leipzig fordert besseres Testsystem als Basis für Theateröffnungen
Leipziger Schoko-Riegel-Hersteller Nu will eine Milliarde Bäume pflanzen
Leipziger Wirte in der Corona-Krise: „Wir sind die verlorenen Kinder der Wirtschaft“
„Befreiung und Erlösung“: Besucher strömen in die Leipziger Museen
Hat Dir diese Ausgabe gefallen?
Teilen Sie diesen Newsletter:
Wenn Sie diesen Newsletter nicht mehr empfangen wollen, können Sie ihn hier abbestellen.
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde, können Sie ihn hier abonnieren.